Das Geheimnis der Hefe
Die Berliner Zeitung führte den Geschmacktest mit dem neuen alkoholfreien Bier von Holsten durch und berichtet:
Das Geheimnis der Hefe
Fachleute der Technischen Universität haben für die Firma Holsten ein neues alkoholfreies Bier entwickelt.
Ob fettarme Milch oder entkoffeinierter Kaffee - den meisten Wellness-Varianten merkt man einfach an, dass ihnen etwas Wichtiges fehlt. Nirgends ist der Substanzverlust jedoch so zu schmecken, wie beim alkoholfreien Bier: Zu süß, zu herb, so intensiv wie flüssige Brotrinde - die alkoholfreien Mixturen aus Wasser, Gerstenmalz und Hopfen schmecken nach allem, nur nicht nach Bier.
Frank-Jürgen Methner wollte das ändern. Seit 2004 leitet der 57-Jährige das Fachgebiet Brauwesen an der Technischen Universität (TU) Berlin. 50 Studenten werden dort zur Zeit in die Kunst des Brauens eingewiesen, in Deutschland geht das sonst nur noch in München. Seit einigen Jahren schon versuchten sich die Brauer der TU an der Herstellung von Limonaden auf der Basis von Malz und Getreide. "Irgendwann dachten wir uns, dass man mit diesen Mikroorganismen auch ein alkoholfreies Bier entwickeln könnte", erzählt Methner.
Foto: Carlsberg Deutschland GmbHAlkoholfreies Bier wird auf zwei Arten hergestellt. Der Gärungsprozess, bei dem Zucker in Alkohol und Kohlensäure umgewandelt wird, findet normalerweise bei einer Temperatur zwischen 10 und 16Grad statt. Um die Alkoholbildung zu verhindern, wird diese Temperatur entweder niedriger gehalten, bei 0 bis 4 Grad; das Bier erreicht nicht den typischen Geschmack, schmeckt eher süßlich und entwickelt dabei eine Reihe von störenden Aromen. Oder die zweite Variante: Einem normalen Bier wird im Nachhinein der Alkohol entzogen. Bei dem Filterprozess geht allerdings auch eine Reihe anderer Geschmackstoffe verloren. Methner setzt auf die geringere Gärtemperatur und vor allem auf die Hefe: "Wir haben versucht, aus vielen Hefetypen die herauszufinden, die schon bei geringer Alkoholbildung viel Geschmack entwickeln." Mehr dürfe er nicht verraten, geheim. Denn schon vor zwei Jahren hat sich die Firma Holsten in die Produktion eingeschaltet und produziert jetzt auf Basis der TU-Hefe ihr neues Alkoholfreies in Hamburg. Ein moderneres Design und den Zusatz "Verbesserter Geschmack" haben die neuen Holsten-Flaschen mit dem blauen Etikett bekommen. Die werden seit Anfang des Monats ausgeliefert und sollen schon in den Supermarkt-Regalen der Republik stehen. "Wir hoffen, von dem steigenden Absatztrend der alkoholfreien Biere zu profitieren und mit dem Markt mitzuwachsen", sagte Konzernsprecherin Linda Boos.
Für Frank-Jürgen Methner ist das neue Bier Konferenz- und isotonisches Sportgetränk in einem und eine Alternative zu Cola, Saft oder Wasser. Der deutsche Brauerbund würde sich jedenfalls freuen, wenn das alkoholfreie Bier in der alternden Gesellschaft ein größeres Stück vom Wellness-Markt abbekommt - ein Glas Bier enthalte schließlich auch nicht mehr Kalorien als ein Glas Orangensaft, wie dort immer wieder betont wird. Denn der Bierdurst der Deutschen nimmt seit Mitte der 70er Jahre stetig ab: 151 Liter pro Kopf trank der Deutsche damals. Im Jahr 2010 waren es nur noch 107 Liter, nur vier Liter davon waren alkoholfrei. Doch ganz langsam, um einen halben Liter pro Jahr, wächst der Markt der Alkoholfreien. Der leichte Zuwachs ist laut Brauerbund vor allem auf alkoholfreie Weizenbiere zurückzuführen, die den Alkoholentzug geschmacklich besser verkraften und außerdem leichter herzustellen sind als Pilsener Biere.
Geschmackstest
Ist es wirklich so schlecht wie sein Ruf, das alkoholfreie Bier? Mitarbeiter der Berliner Zeitung wollten es wissen und haben den Geschmackstest gemacht. Insgesamt vier Sorten wurden gekostet und bewertet, darunter auch die neue Sorte von Holsten alkoholfrei. Bis zu fünf Sterne konnten vergeben werden.
Sebastian Dörfler: Eigentlich macht das Jever Fun ja überhaupt keinen Spaß: zu herb, zu bitter, es schmeckt wie ein Konzentrat aus Brotrinde. Trotzdem, wenn es schon einmal ein Alkoholfreies sein musste, dann war es bisher das Jever. Das ist immer noch besser als das Clausthaler - so stelle ich mir aufgeschäumte Nimm2-Bonbons vor. Das neue Holsten schmeckt zwar immer noch nicht gut, aber doch besser als die anderen. Es ist nicht so übersteuert wie sein Vorgänger und das Jever und auch nicht so süß wie das Clausthaler.
Jever Fun: ***
Clausthaler: *
Holsten alt: **
Holsten neu: ***
Sabine Deckwerth: Manchmal muss alkoholfrei sein. In einer Kneipe sitzen, mit Freunden plaudern und dabei nur Wasser oder Apfelsaft trinken? Das geht ja gar nicht! Dann lieber alkoholfreies Bier, am besten mit Schaum wegen der Illusion. Wenn es auch noch schmecken würde, wäre das perfekt. Clausthaler zum Beispiel schmeckt wie Brausewasser und hat auch kaum Schaum. Jever hat zwar viel Schaum, aber das Friesisch-Herbe ist irgendwie nur bitter. Das alte Holsten ist einfach charakterarm und mild. Da kommt das neue Holsten schon sehr leicht und luftig daher. Es löscht gut den Durst, und die Schaumkrone stimmt auch. Gern ein zweites. Und das nicht nur, wenn es sein muss.
Jever fun: *
Clausthaler: *
Holsten alt: **
Holsten neu: ****
Peter Brock: Bier ohne Alkohol, ist wie Grillen ohne Holzkohle. Es geht. Es bringt einen nicht um. Aber schmecken, schmecken tut es nicht. Und da ist es egal, welches Verfahren dem Gebräu den Sprit entzogen hat. Das weiß der Kunde ja eh nicht. Er merkt nur, dass etwas fehlt. Und vor allem, dass für das Fehlende etwas Unpassendes hinzugekommen ist: Beim Clausthaler zum Beispiel eine Süße, die da nicht hingehört. Beim Jever Fun eine Säure, die man in Bier nicht vermutet hätte. Beim alten Holsten alkoholfrei ein etwas gewöhnungsbedürftiger Geruch gepaart mit einer säuerlichem Note. Da ist das neue Holsten "ohne" schon etwas besser, runder und gefälliger im Geschmack. Aber wie richtiges Bier, nein, so schmeckt es auch nicht. Leider.
Jever fun: **
Clausthaler: *
Holsten alt: *
Holsten neu: ***

